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letzte Aktualisierung dieser Seite: 15.08.2003 Copyright: Henning Dierkes 72.29.82.190 |
Die Schnitzeljagd am Mountain RiverWar das Euer Partner? - Die Blechhütte - Bären mögen Elchkälber - UmtragenDie Porter Pilatus dröhnt über dem Tal des oberen Mountain River. Warren, unser Pilot, kürzt zwar viele der Kurven des Flusses ab, aber über einige der berühmten Canyons fliegt er uns drüber hinweg. Wir hängen an den Fenstern, drücken uns die Nasen an den Scheiben platt, fotografieren, filmen, vor allem aber begutachten wir, was uns auf diesem Fluß in den ersten Tagen erwartet. Wir, das sind Gudrun und Peter, langjähriges Paddler-Ehepaar mit einiger Erfahrung in Touren in Kanada, und der Verfasser. Am Dusty Lake, unserem Flugziel, wollen wir noch den "Langen Ernst" treffen, der schon seit einigen Wochen in Nord Kanada lebt und sich vom Yukon Territorium herüber hat einfliegen lassen. Meist mäandert der Mountain River in vielen Armen zwischen teils dünn bewachsenen, manchmal sogar bewaldeten Kiesbänken und Inseln durch ein breites Hochtal. Nur ab und zu legt sich ihm eine Felsbarre in den Weg, die er in einem tief eingeschnittenen Canyon durchbricht. Darüber brennt vom tiefblauen Himmel die Sonne, wirft in den Felspartien harte Schatten, läßt die Schnellen weiß und blitzend aufgischten und macht die Wellenbildung plastisch. Plötzlich ruft Gudrun: "Da unten paddelt der Ernst!". Wir machen lange Hälse. Tatsächlich, da unten ist der Gatz-Kanadier, besetzt mit dem "langen Gestell" unseres Freundes Ernst. Er winkt heftig. Wir sind ziemlich verständnislos. Ernst wollte doch am See auf uns warten. Wir diskutieren ein wenig durcheinander. Warren hat jetzt den Dusty Lake fast erreicht; in seinem Talkessel breitet er sich vor uns aus. "Was that your partner?", fragt er und wir bejahen. Schnell dreht er wieder um. Mehrfach kreist er über dem einsamen Paddler, der wiederum winkt. "Jetzt muß er wenigstens wissen, daß wir da sind und wird auf uns warten", meint Gudrun. Ehe Warren landet zieht er noch einen Kreis über dem Tal. Es wird schnell sichtbar, warum der Dusty Lake als oberste vernünftige Einsatzstelle am Mountain River gilt. Oberhalb des Sees stürzt der Fluß in einem hohen Wasserfall aus einem Canyon, einer engen Felsspalte, und auch oberhalb des Canyons rauscht und gischtet er nur noch zwischen Felswänden dahin. Dann sinkt der Flieger tiefer, setzt auf dem See auf, wobei eine Elchkuh, am Ufer im Wasser stehend, sich schnell davonmacht, gleitet zur gegenüberliegenden Seite, wo auf einer kleinen Anhöhe eine Blechhütte steht. Aussteigen, Ausladen, kurzes Winken, die Maschine startet wieder, gischtet Fahrt aufnehmend über das Wasser, hebt ab und ist bald mit einem leisen Brummen verschwunden. Während wir uns sofort der gierigen kleinen Blutsauger erwehren müssen wird die Hütte inspiziert. Als Schlafstätte ist sie ungeeignet. Es steht ein seltsames Vehikel darin, und jede Ecke ist vollgepackt mit irgendwelcher Wildnisausrüstung. Vornean am Boden einige dicke Holzscheite. "Holz aus dem Yukon" steht darauf, von Ernst. Das können wir hier oben direkt an der Baumgrenze gut gebrauchen. Das Lager wird eingerichtet. Es ist heiß, aber Ausziehen ist nicht, denn Kriebelmücken und Moskitos greifen heftig an. In einer alten Plastiktüte hat Ernst eine Nachricht hinterlassen. Da der "offizielle" Umtrageweg an der gegenüberliegenden Seeseite beginnt, sollen wir ostwärts zu einem Bach umtragen, auf dem wir den Mountain River erreichen. Der Weg sei besser und kürzer. Gudrun und Peter schauen sich am nächsten Tag um, finden den Weg auch entsprechend. Es handelt sich um Tierwechsel, die über weite Strecken durch mannshohen Busch führen. Die Gefahr, hier plötzlich und unerwartet einem Bären gegenüberzustehen ist groß. Und als ich während eines Erkundungsganges der Beiden auch noch beobachte, wie auf der gegenüberliegenden Seeseite ein Grizzly ein Elchkalb attackiert und dabei von dessen erboster Mutter nach allen Regeln der Kunst in die Flucht geschlagen wird, werden wir beim Begehen noch vorsichtiger, machen auf jeden Fall immer ordentlich Lärm. Wir tragen zum Bach um, für mich eine ziemlich anstrengende Angelegenheit, teilweise quer durch den Busch. Für Peter und Gudrun ist das noch weniger schön, da sie den ganzen Weg mehrfach gehen müssen und auch noch mein Gepäck mit transportieren. Dafür empfängt uns der Bach mit einer schattigen Kiesbank, wo viel Platz für die Zelte ist und wo wir auch noch unser Sonnensegel aufbauen können. Das dient nur kurze Zeit als Schutz gegen die Sonne, dann muß es auch schon einem heftigen Gewitterguß standhalten. Da wir den langen Ernst nicht ohne Not wieder lange warten lassen wollen werden die Boote unter der Plane aufgebaut, die Ausrüstung wasserdicht verpackt. Morgen soll es endlich losgehen. Anders als oben am See sorgt das gleichmäßige Rauschen des Baches und der noch nicht ganz abgebaute Jet Lag für einen tiefen und guten Schlaf.
Ein Bach zeigt seine Zähne - Flachwasser zwischen Kiesbänken - wieder eine schriftliche NachrichtDer Bach legt es schnell darauf an, uns in Schweiß zu bringen. Längere Flachstrecken, scharfe, unübersichtliche Kurven, ins Wasser hängende Bäume und Äste - und vor allen Dingen: Es ist viel weiter zum Mountain River, als wir erwartet haben. Ein gutes Stück fließt der Bach in einem tief eingeschnittenen Tal parallel zum Fluß. Mehrfach geht Peter vor, schaut sich die Sache an. Beim letzten Mal kommt er zurück und meint: "Ich glaube, wir sind am falschen Bach gelandet. Um die nächste Biegung kommt der Fluß, aber er dürfte eigentlich nicht Mountain River heißen sondern Hoang Ho, "Gelber Fluß!" So ist es auch. Unser Bach führt klares Wasser, aber von rechts kommt der Mountain River mit einer trüben Brühe an, die in der Sonne gelb leuchtet. So stark sedimentgeladen hatte er beim Anflug noch nicht ausgesehen. Es ist schon später Nachmittag, aber wir wollen versuchen, noch bis zum Langen Ernst zu kommen, der sicherlich ungeduldig auf uns wartet. So starten wir denn auf dem von uns seit einem Jahr ausgewählten Fluß zu der 300 km langen Reise bis zu seiner Mündung in den Mackenzie River. Das läßt sich auf den ersten Kilometern auch ganz gut an. Dann aber geht der Mountain River in die Breite, verzweigt sich in vielen Armen zwischen Kiesbänken und Inseln. Wir müssen immer wieder nach der tiefsten Rinne suchen - die sich dann öfters auch wieder verzweigt, so daß wir ins nächstfließende tiefere Wasser treideln müssen. Wir schauen uns zwischendurch nach dem Langen Ernst die Augen aus, aber kein Zeichen von ihm ist zu sehen. Also geht es immer weiter. Jetzt Anfang Juli ist es bis fast Mitternacht ausreichend hell. Der Himmel bezieht sich aber, bald beginnt es zu regnen. Wieder hatten wir treideln müssen. Zuletzt hat es uns in tiefes Wasser längs des linken Ufers verschlagen. Ganz rechts fließt ebenfalls eine breite Rinne tiefen Wassers, aber davon trennen uns mehrere hundert Meter Kiesbänke und Untiefen. Wir quälen uns weiter, überwinden Untiefen und scharfe Kurven, um dann immer wieder doch ein Stück paddeln zu können. Die dabei hervorgestoßenen Bemerkungen sind nicht immer stubenrein - zum Glück gibt es ja hier niemand, der uns auf eine gute Kinderstube prüfen will. Dann erscheint weit auf dem rechten Ufer etwas, das künstlich errichtet ist, ein Dreibein aus krummen Ästen. Daran baumelt etwas leuchtend Weißes. Das muß wohl wieder was von Ernst sein. Aber es dauert noch einige Zeit, bis wir endlich wieder in den Hauptstrom einbiegen können. Peter läuft wieder flußauf und bringt die Nachricht mit; eine wundervoll kitschige Postkarte mit einer Nachtansicht von Köln - da wohnt der Lange Ernst - und der Information, daß Ernst heute Nachmittag dort wegen Bärengefahr abgereist ist. Gewitter - Canyons - ruhige Tage am Cache CreekAlso suchen wir uns nun ganz schnell einen Zeltplatz, wobei uns eine Regenpause hilfreich ist. Da aber der nächste Schauer droht wird auch die Tarp auf der Kiesbank aufgebaut. Die steht allerdings nicht lange. Mit einer heftigen Böe kommt das nächste Gewitter und wirft sie wieder um. Dafür werden wir aber erst mit einem Regenbogen und später mit einem wunderschönen stillen Abend mit ganz klarer Sicht belohnt. Zum ersten Mal nach unserem Start durchbricht der Mountain River in einem richtigen Canyon einen Felsriegel. Die Passage ist aber recht harmlos und einfach. Wohl deswegen wird er in der Beschreibung, die wir von der Tourismusorganisation der Nordwest - Territorien bekommen hatten, überhaupt nicht erwähnt. Ganz anders scheint das beim etliche Kilometer später am Nachmittag folgenden Canyon zu sein. Zwischen mehreren hohen Kiesbänken rauscht der Fluß auf einen engen Felsschlitz zu. Direkt nach dem Eingang macht der Canyon einen scharfen Knick nach rechts. Dabei rauschen die Wasser heftig unter eine unterspülte Felswand. Das wollen wir uns aber erst in Ruhe ansehen. So beschließen wir, auf der rechten Kiesbank zu übernachten. Schon während wir das Camp errichten schauen wir immer wieder zu dieser Kurve hin. Gudrun und Peter gehen los, um sich die Stelle einmal vom hohen Felsufer anzusehen und auch zu erkunden, wie es wohl weiter ging. Mit düsteren Blicken kehren sie zurück. Das wollen sie auf keinen Fall fahren. So beschließen wir, am nächsten Morgen bis zum Ende der Kiesbank zu treideln, dort durch scharfen Stromzug zum rechten Ufer zu traversieren und den Rest der Kurve wieder zu treideln. Danach können wir wieder leicht weiterfahren. Das Traversieren endet für die Beiden auf einer felsigen Untiefe, aber sie können ihr Boot durch den Stromzug ans rechte Ufer ziehen. Ich setze für die Querung etwas höher an und kann von Peter am Ufer in Empfang genommen werden. Nach dem Treideln längs der Kurve machen wir erst mal Rast, schauen uns von unten nochmals die Kurve an. Dann meint Peter lakonisch: "Und wieder der alte Fehler! Wären wir gleich gefahren, wir hätten genügend Platz zwischen dem unterspülten Fels und dem rechten Ufer gehabt, um vorbeizufahren, vielleicht mit etwas Herzklopfen. Platz ist wirklich genug. Aber so haben wir immer wieder und viel zu lange hingeschaut, immer neue Horrorvisionen im Kopf aufgebaut, immer neue und größere Schwierigkeiten uns eingeredet." Und Recht hat er! Der längere Rest des Canyons ist - eigentlich! - leicht. Und phantastisch schön. Immer wieder halten wir an um zu schauen und zu fotografieren. Und fast am Ende des Canyon kommt noch einmal so eine Stelle, wo wir wohl zu lange schauten und dann aus Vorsichtsgründen kurz umtreideln. Immer wieder schauen wir nach neuen Lebenszeichen von Ernst, hoffen, ihn bald selbst zu sehen. Aber kein Ernst zeigt sich und auch keine schriftlichen Nachrichten. So erreichen wir vor einem Canyon die Mündung des Cache Creek. Von rechts aus den Bergen kommt er in einem breiten Kiesbett, mit glasklarem Wasser rauscht er direkt vor dem Canyoneingang in die gelbbraune Brühe des Mountain River. Hoch auf den Kiesbänken vor dem Canyon wollen wir zelten, und weil wir bisher noch jeden Tag aktiv waren und trotzdem unseren Freund Ernst noch immer nicht gefunden haben, wollen wir auch endlich mal einen Ruhetag einlegen. Hier finden wir auch die Spuren des Camps einer größeren Gruppe. Wir wissen, daß am gleichen Tag mit uns eine größere geführte Gruppe zum Willowhandle Lake geflogen ist, von dem aus man über Bäche ebenfalls zum Mountain River gelangen kann. Dort oberhalb unseres Camps rauscht ein kräftiger Bach über einen Felsabhang in den Fluß - eine Schwefelmineralquelle. Schon etliche Kilometer vorher waren Gudrun und Peter zu den riesigen aufgeworfenen Quelltöpfen einer Mineralquelle hochgestiegen. Auch hier am Cache Creek wandern sie ein gutes Stück den Bach hoch, gelangen aber immer noch nicht bis zu den eigentlichen Schwefelmineralquellen Ansonsten lassen wir es uns an diesem Tag gut gehen, genießen die Ruhe, waschen sogar einen Teil unserer Klamotten - und lassen "den lieben Gott einen guten Mann sein", wie man hier im Rheinland zu sagen pflegt. Die drohende enge Canyonöffnung haben wir zwar ständig vor Augen, aber auch die soll und kann unser gutes Befinden nicht stören. Ärgerlich ist nur, daß unsere ausgedehnten Angelversuche nicht von Erfolg gekrönt sind: Trotz des schönen klaren Wassers des Cache Creek geht uns keine einzige Äsche richtig an den Haken. Ein unerwarteter Hüpfer - der Battleship Rock - ein Mann hört GespensterWir machen uns Gedanken, was wohl mit Ernst passiert ist. Es ist ganz und gar nicht seine Art, Abmachungen einfach nicht einzuhalten. Seine schriftlichen Mitteilungen sprechen nur vage davon, daß er Schwierigkeiten gehabt hat. Aber welche? Und ob wir ihn wohl noch einholen können? Wir sind langsam überzeugt, daß wir ihn auf unserer Reise nicht mehr zu sehen bekommen. Als wir nach unserem Ruhetag starten haben wir keine Zeit mehr, daran zu denken. Vor uns öffnet sich der enge Schlitz des Canyons. Eilig und mit leichten Wellen, Wirbeln und Kehrwässern zieht der Mountain River hinein. Von der Beschreibung wissen wir, daß es erst ein Stück weiter im Canyon schwieriger werden soll. Peter hatte zwar erwogen, mal längs der Canyonwände zu gehen und zu schauen, aber das Gelände war derart schwierig zu gehen und zu klettern, daß er das schnell wieder aufgab. So halten wir uns in der Mitte des Flusses, fahren langsam, haben so auch Zeit, die Wirkung dieser Reise durch die Tiefe enge Gasse in uns aufzunehmen. Hoch über uns huscht ein Streifen blauen Himmels dahin, an dem grellweiße Wolken wie Tupfer hängen. Rechts und links meist fast senkrechte Felswände, mal zerrissen, mal glattpoliert von den ewig nagenden Wassern, die in diesem engen Schlitz zur Zeit der Schneeschmelze wie ein Urweltchaos hindurchtoben müssen. Ganz plötzlich geht es dann los. Eben noch zieht der Mountain River glatt durch eine scharfe Linkskurve. Dann rauscht es vor uns heftig auf. Direkt auf die Linkskurve folgt eine enge Kehre nach rechts. Die zusammengepreßten Wassermassen prallen gegen eine glatte Felswand, werden nach rechts in einem scharfen Strahl abgelenkt, der sich fast einen Meter über den Wasserspiegel hebt. Rechts davon dreht sich ein großes unheimliches Kehrwasser. Dorthin zu entfliehen würde die Situation nur noch ungemütlicher machen. Der von der Felswand abgeschossene Wellenstrahl drückt nämlich nur wenige Meter weiter wieder gegen die nächste Wand - und dort wird er in einem ziemlichen Tohuwabohu wieder nach links geschleudert. So ziehe ich das Paddel heftiger durch, fahre den Wellenstrahl im Winkel von etwa 45o mit Tempo an, werde mit einem Satz darüber gehoben, wobei ich scheinbar einen Moment auf dem Kamm der Welle schwebe, platsche auf der gegenüberliegenden Seite ins Wasser - und habe den Eindruck, daß ich mich auf einem Ententeich befinde, so ruhig zieht der Mountain River hier weiter durch den Canyon. Erst jetzt realisiere ich die Bilder, die ich in diesen wenigen Sekunden von Gudrun und Peter erlebt habe. Ihnen erging es ja ähnlich. Ihr schwerer aufblasbarer Kanadier schien sich wie ein überdimensionales Badeboot über den Wellenkamm zu heben, schien dort eine kleine Ewigkeit zu schweben - und entschwand dann meinen Blicken hinter der Welle. Genau wie ich schauen die beiden doch ziemlich verdutzt, als wir dann wieder nebeneinander daherpaddeln. Zum Glück haben Erfahrung und Intuition uns das Richtige tun lassen. Nun ist dieser Canyon nur noch unfaßbar schön. Sicher läßt die nachlassende Spannung und die Euphorie über die geglückte Befahrung der Schwierigkeiten alles auch in rosigerem Lichte erscheinen, aber dieser großartige Riß durch das Felsengebirge mit seinen in allen Schattierungen von Braun, Grau bis Rostrot leuchtenden Felsen, auf denen die Sonne ruht und wo die Lichtkringel des von den bewegten Wassermassen reflektierten Sonnenscheins unruhig tanzen, der wirkt nunmehr nur noch gewaltig, überhaupt nicht mehr bedrohlich. Langsam werden dann auch die Felsufer niedriger und bald gleiten wir wieder in ein breites Tal mit Kiesbänken und vielen Armen, wo sich das Spiel des Suchens unseres Weges wiederholt, einschließlich gelegentlichen Treidelns über Untiefen, wo wir wieder mal den falschen Flußarm erwischt haben. Die Felsriegel, durch deren Canyon wir uns hindurchgewunden hatten, scheinen auch eine Barriere für die Schlechtwetterfronten der Wasserscheide des hohen Gebirges zum Yukon Territorium hin zu sein. Hatten wir dort fast täglich neben greller Sonne auch mal einen oder zwei Schauer, teilweise mit Gewittern, erlebt, so bleiben diese Wolkengebirge nunmehr mehr und mehr hinter uns zurück und regnen sich meist dort oben aus. Aber nur meist, ab und zu gelingt es doch mal einer dicken Wolke, die Berge zu überrollen. So auch jetzt. Es beginnt zuerst zu nieseln, dann zu regnen. Das tut der Stimmung jedoch noch keinen Abbruch, können wir doch der Überzeugung sein, daß das Wetter bald wieder besser werden wird. Wieder nähern wir uns einem riesigen Felsriegel. Es sieht aus, als gebe es hier überhaupt kein Durchkommen, als seien die Felsen hermetisch dicht abgeschlossen. Erst kurz vor der Gebirgsmasse ist wiederum ein enger Schlitz erkennbar, davor ein einsamer runder hoher Felsklotz, der Battleship Rock. Vorerst haben wir aber keine Zeit, uns diesen Torwächter anzuschauen. Durch den Nieselregen blitzt durch ein Wolkenloch die Sonne auf einen gischtenden langen Schwall mit ziemlichem Gefälle längs einer teilweise unterspülten Felswand, die zum Canyoneingang führt. So halten wir auf der entgegengesetzten Seite, noch im Stromzug, auf den Eingang zu. Der Schwall umrundet eine linksufrig gelegene riesige hohe Kiesbank, die vor dem Battleship Rock zurückweicht und einem großen Pool Platz gibt. Und darin dreht sich ein tierisch starkes Kehrwasser. Ich hört Peter nur noch laut brüllen. Erst feuert er Gudrun an, ihr Äußerstes zu tun, um nicht dahinein getrieben zu werden, dann muß er feststellen, daß das Wasser nur einfach einmal, schwapp, zugepackt hat, und nun fahren sie gegen das Kehrwasser. So brüllt er seinen Frust noch lauter heraus und versucht mit heftigem Paddeln gegen den Strom anzukommen. Mir geht es natürlich genauso. Nur versucht ich erst gar nicht erst, gegen diese kreisende ziehende Gewalt anzupaddeln, sondern lenkt sofort zum linken Ufer, wo ich ruhiger liege. Peter bolzt, was er nur kann, feuerte Gudrun an, daß es über das Rauschen der Schnelle schallt, und muß dann am Ende doch einsehen, daß gegen diese Macht kein Kraut gewachsen ist. Sie landen gleich mir am linken Ufer. Es ist nun allerdings alles andere als eine Musterkonversation einer Schule für höhere Töchter, was er in seinem Zorn und Frust so herausbrüllt. Dabei beschimpft er Gudrun nicht, er weiß ja, daß sie getan hat, was sie kann. Ich amüsiert mich ein wenig; außerdem haben wir durch das Anlanden an der Kiesbank überhaupt keine zusätzlichen Probleme bekommen. Längs des Ufers können wir recht bequem, wenn auch kräftezehrend, zum Auslauf aus dem Kehrwasser paddeln und wieder in den dort ruhiger werdenden Hauptstrom einschwingen. So schauen Gudrun und ich uns auch mal kurz um, während Peter unermüdlich vor sich hinschimpft, den Fluß im allgemeinen, seinen Pustekanadier im besonderen verwünscht. Da schrie Gudrun auf einmal: "Der lange Ernst!" - und richtig, da kommt er über die Kiesbank gestapft, schwenkt die langen Glieder, mal grient er, mal schaut er grimmig. Das gibt eine Begrüßung! Die nicht gerade lang geratene Gudrun muß fast hüpfen, um ihm um den Hals zu fallen und auch Peter und ich freuen uns wie die Schneekönige, unseren "verlorenen Sohn", in diesem Falle eher "verlorenen Vater", endlich gefunden zu haben. Mitten im kanadischen Busch kölscht es deutlich als er meint, er habe im Regen im Zelt gelegen und gelesen, da habe er Stimmen gehört. Da habe er aber weiter gelesen, denn er habe schon öfter vorher gemeint, Stimmen zu hören und beim Nachschauen habe er immer wieder festgestellt, daß es sich um Sinnestäuschungen gehandelt habe. Erst als die Stimmen einfach nicht mehr aufhören wollten, habe er dann doch nachgeschaut und uns endlich entdeckt. Jetzt sind wir Peter richtig dankbar, daß er so laut und ausdauernd geschimpft und geflucht hat, denn sonst wären wir diesmal am Ernst vorbeigefahren - und wir hätten natürlich keine schriftlichen Nachrichten für die "Schnitzeljagd" ausgehängt. Du und der Bär - wie der Mountain River von unten aussieht - die Ground Hog - FalleEs nieselt weiter, dazu ist es windig. Die Zelte stehen schnell, nur die Tarp wirft uns der Wind gleich wieder um. So schnappt Ernst sich schnell seine Axt, schlägt ein paar lange Stangen und baut daraus ein dreieckiges Gestell, über das wir die Plane ziehen und befestigen. Das hält! Dafür hört auch der Regen auf. Aber auch gegen den Wind hilft es. Und bald brodelt der Kaffe im Topf. Endlich bekommen wir jetzt auch die Geschichte erzählt, warum Ernst vor uns davongefahren ist. Es sind Bärengeschichten. Die erste ereignete sich gleich oben an der Einsatzstelle am Bach beim Dusty Lake. Ernst hatte gerade seine gesamte Ausrüstung runter zum Bach getragen und wollte sich wohnlich einrichten, um dann wieder zum See hochzugehen, uns zu erwarten und mit herunter zu helfen. "Wohnlich", das hieß: ein Feuer. So hockte er sich und bereitete in Ruhe seine Feuerstelle. Irgendwann gewahrte er dabei aus den Augenwinkeln eine Bewegung vor sich. Und als er hochschaute, da richtete sich vor ihm im Bach gerade ein Braunbär auf und schaute neugierig zu ihm herüber - auf eine Entfernung von wenigen Metern. Dem Ernst rutschte das Herz ziemlich tief in die Hose. Er richtete sich auf und - wie er es gelernt hatte - redete er dem Bären gut zu, was ihm gerade so an Freundlichkeiten einfiel. Der fand das seinerseits recht interessant, legte den Kopf schief und hörte aufmerksam zu. Bald schien ihm diese Situation aber auch zu riskant - oder es war ihm zu langweilig, was Ernst so erzählte - jedenfalls verzog er sich würdevoll und langsam. Das war nun das, was Ernst ja erreichen wollte, und um den Erfolg zu verstärken holte er die Trillerpfeife hervor und pfiff ein paar Mal schrill. Das war dann wohl etwas Neues, für den Bären sehr Interessantes, er blieb stehen und bei weiterem Pfeifen kam er langsam wieder zurück. Das war aber nicht im Sinne des Erfinders; der Ernst stellte sein Pfeifen denn auch sofort ein. Beim Näherkommen tappte der Bär mit einer Pfote auf Ernsts Tarp, die er dort zum Trocknen ausgelegt hatte. Das war nun wieder was ganz Neues, hörte und fühlte sich völlig anders an als alles, was der Bär bisher erlebt hatte. Immer wieder tappte er auf die Tarp, hörte interessiert dem Geräusch der Plastikplane zu und zuletzt legte er sich ganz darauf auf den Rücken und wälzte sich völlig vergnügt hin und her - und Ernst behauptet heute noch jedes Mal, wenn er die Geschichte erzählt, daß das Biest dabei regelrecht gelacht habe. Endlich trollte sich das Tier dann aber doch. Das war dem Ernst zuviel. Hier konnte und wollte er nicht bleiben. So schnell wie möglich packte er seinen Kram zusammen und machte, daß er davonkam. Und so trafen wir ihn denn auch kurze Zeit später auf unserem Anflug zum Dusty Lake auf dem Fluß. Ernst brachte ein langes Stück hinter sich, ehe er einen guten Zeltplatz fand, wo er auf uns warten wollte. Er hatte ihn so ausgewählt, daß wir nach seiner Überzeugung dort trotz mehrerer Arme zwischen den Kiesbänken vorbeikommen mußten. Nach drei Tagen Warten fand er nach einem Rundgang wieder frische Bärenspuren, was ihn veranlaßte, abermals die Flucht zu ergreifen, nachdem er seine herrlich kitschige Nachtansicht von Köln mit der Nachricht am Dreibein befestigt hatte. Danach hatte er die große geführte Gruppe des Veranstalters Black Feather getroffen, die vom Willowhandle Lake herunterkamen und war mit ihnen ein Stück zusammen gepaddelt. Es war wohl auch Zeit, daß er nach der langen Einsamkeit mal jemanden traf, mit dem er sich unterhalten konnte. Schließlich hatte er am Dusty Lake bereits eine gute Woche alleine auf uns gewartet. Mit dieser Gruppe hatte er das Camp am Cache Creek geteilt und mit ihnen war er bis hierhin zum Eingang des Dritten Canyon gepaddelt. Hier wollte er einen weiteren Versuch des Wartens unternehmen, der dann ja auch glücklicherweise erfolgreich war. Nun war die Zeit gekommen, Ernst zu überraschen. Gudrun und Peter ziehen den dicken Umschlag an Post hervor, den sie von Ernsts Familie für ihn mitgebracht haben. Erwartungsvoll lehnt sich Ernst zurück, nimmt einen Schluck Kaffee und öffnet den Brief. Was kommt als erstes? Eine Broschüre aus Wildalpen in Österreich, wo seine Leute gepaddelt hatten. Sie ist überschrieben: "Du - und der Bär". Schallendes Gelächter nach den Bärengeschichten, die uns Ernst erzählt hat. Wobei die aus Slowenien nach Österreich herübergewechselten Braunbären längst nicht so zum Fürchten sind wie ein Grizzly aus den Mackenzie Bergen. Jetzt ist unsere Gruppe endlich vereint, so können wir uns für die weitere Reise mehr Zeit lassen. Wir bleiben denn auch einen Tag hier liegen, ehe wir uns auf den weiteren Trip durch die Canyons des Mountain River machen. Der Dritte Canyon, vor dem wir nun aufbrechen, zeigt keine besonders großen Schwierigkeiten; trotzdem treideln Gudrun und Peter unsere Boote um eine scharfe verblockte Kurve herum, wohl vor allem, weil wir wieder mal zu lange hingeschaut haben. Der Lange Ernst jedenfalls fährt mit seinem Einer-Kanadier die Strecke ganz ruhig und sicher ab. In einer weiteren Schlucht finden wir einen phantastisch schönen und angenehmen Zeltplatz. Wieder bleiben wir einen Tag länger liegen. Hier treffen wir am nächsten Morgen einen Kajaker mit einem Eskimokajak. Wie es im Busch üblich ist unterhalten wir uns kurz, ehe er sich eilig weitermachte. Er will noch den Mackenzie runter bis nach Inuvik, eine Reise von über tausend Kilometern. Vor dem Vierten Canyon machen wir Mittagrast. Er gilt als der schwierigste der Canyons des Mountain River. Entsprechend vorsichtig machen wir uns an die Durchfahrt. Wir haben offensichtlich ziemliches sommerliches Niederwasser, so daß die gefürchteten unregelmäßigen hohen Wellen uns nicht sehr beeindrucken. Trotzdem müssen wir in den Wirbeln und Wellen der scharfen Kurven sehr aufpassen, uns von großen Felsklötzen und Untiefen im Stromzug fernhalten. Es geht dabei alles sehr schnell, so daß bald schon das Ende des Canyons sichtbar wird. Ernst und ich fahren - ein paar Meter auseinander - nebeneinander her und unterhalten uns, schauen zurück, überlegen, wie wir noch besser und sicherer hätten fahren können. Und dabei schaue ich sehr genau zurück, vergesse aber, auf den weiteren Weg zu achten. Was und warum es passiert kann ich im Nachhinein nicht mehr feststellen. Ohne Rauschen, ohne Wellengeschaukel, plötzlich bin ich gekentert und muß wohl ziemlich dumm aus der Wäsche gucken, als ich neben meinem Boot wieder auftauche. Ernst kommt sofort herüber, nimmt mich samt Boot und Paddel in Schlepp und zieht mich ans rechte Ufer. Vor einer hohen langen Felswand kommt er mit mir hinter ein paar Felsen in ein Kehrwasser. Ernst und ich kommen sicher im Kehrwasser an, aber mein vollgeladenes schweres Boot liegt noch im Hauptstrom. Ich habe das Gefühl, als würde mir mein Arm aus der Schulter gezogen, dann kann ich nicht mehr halten und Boot samt Paddel treiben davon, Ernst sofort hinterher. Für mich ist es ziemlich einfach, mich auf die Felsen und in die warme Sonne zu retten. Aber Ernst bekommt mit meinem Boot einige Probleme. Er muß erst aus dem Canyon heraus, durch eine Stromschnelle, ehe er es auf Sand anlanden kann. Das Paddel kann er dabei nicht auch noch bergen. Gudrun und Peter, die vorher zum Fotografieren angelandet waren, paddeln so schnell wie möglich an mir vorbei und helfen ihm. Ich sitze nun, warm und trocken, und warte. Die Sonne scheint und es sieht eigentlich alles sehr friedlich aus. Nach fast einer Ewigkeit tauchen meine Begleiter auf dem gegenüberliegenden Ufer mit ihren ihren Booten auf. Ernst steigt aus und kommt, eine große Kiesbank querend, bis auf meine Höhe. Ich winke, rufe, er kann mich des Rauschens wegen nicht verstehen. Ich mache Schwimmbewegungen, will so fragen, ob ich zu ihnen herüberschwimmen soll. Mir scheint, als bejahe er, so springe ich ins Wasser und schwimme los. Erst mal komme ich in der langgezogenen Linkskurve nicht von der Felswand weg, hier am Prallhang drückt mich die Strömung natürlich gegen das Ufer. Endlich, fast am Ende der Wand, kann ich mich lösen, schon ziemlich nahe an der nächsten Schnelle. Ich schwimme so schnell ich nur kann und schaffe es, kurz vor den Felsen der Schnelle, ins ruhige Kehrwasser am linken Ufer. Dort muß ich mich aber erst mal auf einer breiten Felsplatte ausruhen, ehe ich die letzten Meter bis zum Ufer schwimme. "Warum bist du denn losgeschwommen? Ich wollte dir doch nur sagen, daß du warten sollst, bis wir Peter und Gudruns Boot geleert haben, um dich zu holen!", meint Ernst. Zum Glück ist dieses Mißverständnis gut ausgegangen. Und weil direkt ausgangs des Canyons über dem linken Ufer ein guter Zeltplatz liegt beschließen wir, dort zu bleiben. Mein Boot wird geholt. Trotzdem es lange kopfüber geschwommen war haben die wasserdichten Packsäcke gehalten, was sie versprachen; nur bei meinem Fotobeutel hatte ich den Reißverschluß nicht ganz verschlossen und so ist etwas Wasser eingedrungen, keine Katastrophe, aber ein paar Kleinigkeiten müssen getrocknet oder weggeworfen werden. "Wie war denn die Aussicht da unten", meint Peter grinsend, und ich kann ihm nur wahrheitsgemäß sagen: "Trübe!" Wir haben hier einen schönen Platz gefunden; daß es sich hier gut leben läßt haben auch ein paar Ground Hogs schon lange vor uns entdeckt, deren Erdhöhlenzugänge an mehreren Stellen sichtbar sind. Frech wie Oskar flitzen sie um uns herum. Als sie dann aber auch noch beginnen, an unserer Ausrüstung herumzuknabbern, baut Ernst seine Erdferkelfalle: In den für die Tierchen bestimmt besonders gut riechenden Sack, in dem er seinen Speck aufbewahrt hatte, legt er noch etwas von seinem Müsli hinein, mit zwei Stöckchen wird der Sack am Boden offen aufgestellt. Dann dauert es nur wenige Minuten, bis das erste Tier herankommt. Bald steckt es tief im Sack und mit schnellem Griff hat Ernst die Öffnung zugeschlagen und den Sack ergriffen. Drinnen rumort es nun beträchtlich, Ernst geht zum Fluß hinunter, wo Peter gerade an seinem Boot hantiert, hält ihm den Sack hin. Peter greift arglos zu - und springt fast zurück, als es in dem Sack dann plötzlich sehr lebendig wird. Zuletzt läßt Ernst den Ground Hog aus dem Sack herausschauen, ohne ihn loszulassen, so daß wir ein Portrait von ihm machen können. Als das Tierchen merkt, daß wir es nicht gleich fressen wollen, verhält es sich recht ruhig, ist aber dann wohl doch heilfroh, als es von Ernst in die Freiheit entlassen wird. Schimpfend nimmt es ganz schnell gehörigen Abstand - und immer, wenn wir uns in der Gegend bewegen, hält es samt seinen Genossen sehr auf Entfernung zu uns - und damit zu unserer Ausrüstung. "Nach dem gleichen Prinzip kann man natürlich auch Bären fangen", meint Peter, "aber ich denke, die Säcke müssen ziemlich viel größer und reißfester sein." Ja, und eine größere Hand müßte man dann auch haben. Der 5. Canyon - Waldbrände - im Qualm durch die Mackenzie LowlandsSofort nach dem Ausfluß aus dem Canyon beginnen wieder die Verzweigungen zwischen Kiesbänken. Die Suche nach meinem abgeschwommenen Paddel erweist sich von daher als praktisch aussichtslos. Aber ich habe ja ein Reservepaddel mit. Der Fluß ist längst so groß, daß es kaum noch Schwierigkeiten macht, einen ausreichend Wasser führenden Arm auszuwählen. Das Wetter ist warm und sonnig. Wir fühlen uns rundum wohl. So erreichen wir den 5. Canyon. Er wird schon von der Beschreibung her als leicht aber sehr schön angekündigt. Und das ist denn auch so. Mehrfach halten wir an, um zu Schauen, Fotografieren und Filmen. Mitten im Canyon mündet von links der Gayna River. Unterhalb der Mündung finden wir auf einer langen Kiesbank schöne Zeltmöglichkeiten, die wir auch ausnutzen wollen. Wir haben noch vier Tage bis zu unserer Abholung an der Mündung des Mountain River. So bleiben wir auch hier einen Tag liegen. Schon nachmittags sind mehrfach braune Qualmwolken von Südosten her über das Tal gezogen und es hat stark nach Brand gerochen. Jetzt am Abend quillt eine dicke rötlich-braune Qualmschicht über die Canyonränder, hüllt alles wie in einen braunen Nebel ein, nimmt die Sicht und verpestet brandig die Luft. Gelegentlich dringt die Abendsonne mattleuchtend wie Kupfer durch diese Schicht. Es wirkt unheimlich. Wir brauchen hier unten am offenen Fluß zwar keine Sorgen des Feuers wegen zu haben, aber wenn das so anhält, dann ist der Rest der Fahrt selbstverständlich lange nicht mehr so ansprechend. Trotzdem verleben wir hier noch einen ganz angenehmen Ruhetag, ehe wir uns auf die letzten 60 - 70 km bis zum Mackenzie River machen. Eigentlich waren hierfür zwei Tage geplant, aber die Fahrt durch den Brand und Qualm ist nicht so nach unserem Geschmack, andererseits kommen wir bei guten Stromzug schnell voran. An diesem Tag haben wir wieder mehrfach Probleme, einen tiefes Wasser führenden Flußarm immer rechtzeitig zu entdecken. Durch die schlechte Sicht sind solche Abzweigungen in dem breiten Kiesbett manchmal erst kurz vorher erkennbar, und dann müssen wir manchmal erst wieder ein Stück flußauf paddeln, um gut und sicher in den Arm einfahren zu können. Erst am Nachmittag mache sich die langsamere Strömung in den Lowlands vor der Mündung bemerkbar, nur auf den letzten Kilometern. So sind wir rechtschaffen müde, als wir am frühen Abend den Mackenzie River erreichen. Hier paddeln wir noch etwa einen Kilometer flußauf bis wir an eine Stelle kommen, wo von einer anderen Gruppe Boote zur Abholung zurückgelassen worden sind. Dort schlugen wir unser Camp auf. Nach der Mündung des Mountain in den Mackenzie River rauscht es heftig, wir haben aber - schon des Qualms wegen - nichts sehen können. Aber auch bei bester Sicht wäre uns nichts aufgefallen. Direkt unterhalb befinden sich die Sans Sault Rapids - die Schnellen ohne Abfall - wo der Mackenzie River mit starkem Gefälle eine Rechtskurve beschreibt. Besonders hinter dem Felsenkap auf der rechten Flußseite rauscht er dabei über eine Reihe von Rippen. Das Fahrwasser ist links ausgetonnt und hier fahren auch Schiffe, was zeigt, daß diese Schnellen völlig harmlos sind, sofern man nicht auf die Idee kommt, mit seinem Kajak oder Kanadier ganz rechts zu fahren. Sans Sault City - Sturm - der Lange Ernst verabschiedet sich - Frank holt uns abDer Platz ist nicht gerade schön, an dem uns Frank Pope aus Norman Wells mit seinem Motorboot abholen will, aber er liegt halt praktisch. Der nächste Ort flußab ist Fort Good Hope, etwa eine bis zwei Tagereisen weit; und der nächste Ort mit einer guten Flugverbindung ist Norman Wells, an die achtzig Kilometer flußauf gelegen. So haben wir beschlossen, uns von dort einem Motorboot abholen zu lassen. Es ist immer noch brandig und alles verqualmt. Abends, wir wollen gerade schlafen gehen, kommen zwei Indianer ans Ufer, sie haben Schwierigkeiten mit ihrem Außenbordmotor. Ein Teil der Schwierigkeiten rührt wohl auch daher, daß sie nicht so ganz nüchtern sind. Sie erklären uns, daß das gesamte Mündungsgebiet des Carcajou River brenne, und der mündet nur etwa 15 - 20 km flußauf in den Mackenzie River. Dazu gebe es noch eine Reihe weiterer Brandgebiete rechts und links des Flusses. Später, mitten in der Nacht, haben sie ihren Motor wieder flott, so daß sie weiterfahren können. Bis dahin rumoren sie ziemlich lautstark herum. Morgens ist Ernst als Erster auf den Beinen. Es hat heftig zu winden begonnen. Über den breiten Mackenzie River laufen kurze steile Wellen, bilden weiter draußen Schaumkämme. Gegen den Wind hat er einen der vorgefundenen Kanadier quer gelegt und in dessen Windschutz Feuer gemacht. Nach dem Frühstück packt er. Er will weiter, nach Fort Good Hope und dann nach Fort McPherson, zum Dempster Highway. Von dort aus will er per Anhalter wieder ins Yukon Territorium nach Whitehorse zurück. Man stelle sich das mal in Deutschland an einer Autobahnauffahrt vor: Da steht ein "buschmäßig" gekleideter Mann, neben ihm sein Kanadier und ein bis zwei große Packen Ausrüstung, hebt den Daumen und hat ein Schild "München" oder "Hamburg" aufgestellt. Aber in Nordkanada oder Alaska ist diese Reisemethode durchaus erfolgversprechend. Am späten Vormittag ist der Wind noch heftiger geworden. Trotzdem verabschiedet sich Ernst. Er will nahe des Ufers fahren und notfalls, wenn der Wind und die Wellen zu riskant oder anstrengend werden, auf einem Campplatz abwettern. So hofft er, wenigstens in zwei bis drei Tagen in Fort Good Hope zu sein. Und dann würde der Wind wohl auch irgendwann nachlassen, damit er die restlichen mehr als 300 km bis Fort McPherson paddeln kann. Wir schauen ihm noch eine Zeitlang nach, wie er auf dem riesigen Fluß fortschwimmt, immer kleiner wird und dann im Brandnebel verschwindet. Wir drei haben jetzt keine Eile beim Abbau der Boote und Verpacken der Ausrüstung. Erst in zwei Tagen sind wir gegen Mittag mit Frank Pope verabredet. So faulenzen wir oder stromern herum. Ein Stück flußauf, hoch oben über dem Hochwassersaum, finden wir die Ruinen einer Hütte, drum herum zerstreut eine Menge Müll. Noch weiter entdecken Gudrun und Peter die Reste einer größeren Zeltstadt mit einem Schild davor: "Sans Sault City". Immer wieder fliegen zwei Hubschrauber im Tiefflug über uns hinweg. Sie haben in der Nähe ihren Kraftstoffvorrat. Später erfahren wir, daß sie hier zur Brandbekämpfung eingesetzt sind. Sonntags mittags kommen zwei Boote vom Mountain River her an, ein Faltbootfahrer mit einem Folbot-Modell und Vater und Sohn in einem Kanadier. Das zweite Boot ist erstaunlich leer. Wir erfahren, daß die beiden Boote eigentlich nicht zusammengehören. Vater und Sohn waren im 4. Canyon gekentert, hatten fast die gesamte Ausrüstung verloren, vor allem aber auch ihr Boot. Der Faltbootfahrer kam hinzu und hatte ihnen geholfen. Kurz danach kam eine weitere größere Gruppe, die einen Teil ihrer Ausrüstung und das Boot nach dem Canyon bergen und ihnen bringen konnte. Sie sollen jetzt hier abgeholt werden. Es dauert auch gar nicht lange, da kommt die Porter Pilatus von NorthWright Air an. Bildschön setzt Perry, der Pilot und Eigner, die Maschine trotz des Sturms vor dem Ufer auf das Wasser. Er gilt als einer der besten und erfahrensten Piloten in den Mackenzie Bergen. "Ich soll hier zwei Gruppen abholen, einmal zwei und einmal vier Leute", meint er. Es dauert etwas länger bis uns dämmert, daß mit der zweiten Gruppe möglicherweise wir gemeint sind. Bei Perry ist es meist so, daß man ihm die Worte einzeln aus der Nase ziehen muß. So bekommen wir nach und nach raus, daß ihn unser Abholer, Frank Pope, per Funk erreicht und gebeten hatte, uns mitzubringen, neben Vater und Sohn, die er auch abholen mußte. Da wir aber unsere Ausrüstung nicht alleine lassen wollen, beschließen wir, hier zu bleiben, insbesondere, da Frank ja auf jeden Fall hierher kommen muß, um die Ausrüstung dann doch noch mit dem Motorboot zu holen. Außerdem haben wir noch nichts verpackt. Zum Abendessen ist alles gepackt, was wir bis morgen Mittag nicht benötigen. Gerade ist gespült, da kommt ein Motorboot den Fluß hinab, hält auf uns zu. Es ist Frank, der meint, daß für Morgen noch schlechteres Wetter angesagt sei und daß es daher besser sei, wenn wir jetzt mit ihm nach Norman Wells führen. So wird in ziemlicher Hektik das Camp abgebaut, das Boot beladen, und in die beginnende Dunkelheit fährt Frank mit uns nach Süden, den Fluß hoch, vorbei am Brandgebiet am Carcajou River nach Norman Wells. Ein abrupter Abschied vom Mountain River. Allgemeine InformationenMountain River: Er entspringt an der Wasserscheide zwischen Mackenzie Mountains und den Bergen des östlichen Yukon Territoriums in einer Höhe von über 1.600 m. Anreise: Von Deutschland über Calgary - Edmonton - Yellowknife nach Norman Wells. Von dort mit Wasserflugzeug zum Einsatzpunkt ( NorthWright Air ).
Einsetzen: Oberster Einsetzpunkt ist der mit Wasserflugzeugen erreichbare Dusty Lake, unterhalb einer wilden Stromschnellenstrecke und eines Wasserfalles, etwa 1 km vom Fluß entfernt gelegen. Einsatz entweder nach Umtragen über einen gut begehbaren Pfad vom Südwestende des Sees oder auf einem linken Nebenbach, etwa 1 km weit nach Osten.
Schwierigkeiten: Hauptschwierigkeiten des Mountain River sind mehrere Canyons, deren Zählweise ist etwas unorthodox. Die schwierigsten dieser Canyons durchfährt man sowohl beim Start vom Dusty als auch vom Willowhandle Lake aus. Besonders aufpassen im Zweiten, Dritten und Vierten Canyon. Bei hohen Wasserständen - und die können bei starken Regenfällen durchaus auch im Sommer vorkommen - steigern sich die Schwierigkeiten beträchtlich. Unter Umständen werden dann langwierige und anstregende Portagen über die Canyonseitenwände notwendig. Oft ist es daher besser, das Sinken des Wassers abzuwarten. Sonst meist weites Kiesbett mit vielen Armen zwischen Kiesbänken und Inseln. Der richtige genügend Wasser führende Arm ist nicht immer leicht auszumachen. Achtung auch auf gelegentliche scharfe Kurven, Prallhänge und starke Kehrwässer. Aussetzen: Entweder abholen lassen an der Mündung ( Outfitter Frank Pope, Norman Wells - Kosten 1998 je Person 150.00 kanadische Dollar ) und Fahrt nach Norman Wells. Von dort tägliche Jet-Flugverbindung mit Canadian North Airlines nach Yellowknife, Edmonton und Calgary. Oder Weiterfahrt auf dem Mackenzie River nach Fort Good Hope, Fort McPherson (Dempster Highway mit Busverbindung im Sommer) oder Inuvik (Flugverbindung mit Canadian North Airlines nach Süden). Tiere: Grizzly Bär ( Braunbär ), Schwarzbär, Elch, Caribou, Dall Schaf, Wolf, Fuchs, Vielfraß, Erdferkel, Streifenhörnchen, Adler, Falken, viele Arten Wasservögel
Bootsverleih: NorthWright Air, Norman Wells; Frank Pope, Norman Wells.
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