Die Loire von Pouilly-sous-Charloi bis Nevers - im Mai 1999
"Bei mir haben sich wieder so viel Überstunden angesammelt; ich muß für zwei Wochen weg!", meint Klaus. Und weil ich auch gerade ein paar Tage Zeit habe und es in Deutschland sowieso viel zu kalt ist, machen wir uns kurz entschlossen zu einer Kajakfahrt auf der Loire auf.
So finden wir uns samstags abends auf dem städtischen Campingplatz von Pouilly- sous-Charloi ein. Die Loire hat einen sehr guten Wasserstand. Die letzten Tage hat es viel geregnet. Selbst der Sornin, der uns auf den ersten beiden Kilometern vom Campingplatz zur Loire bringen soll, führt richtig gutes Wasser. Man könnte ihn glatt schon einige Kilometer oberhalb als Vorfahrt beginnen.
Sonntags kaufen wir auf dem Markt in Pouilly noch Proviant ein - und am frühen Nachmittag haben wir die Boote gepackt, das Auto in der Obhut des Platzwartes geparkt und setzen unter den neugierigen Blicken einer Herde weißer Charolai-Rinder ein, ziehen längs des Campingplatzes auf gestauten Wasser dahin bis zur Brücke der Nationalstraße. Hier treffen wir auf ein kleines Wehr, das wir aber selbst mit unseren vollgeladenen Booten leicht hinunterrutschen können. Danach mäandert der Sornin zwischen Bäumen, Büschen und Viehweiden in flotter Fahrt der Loire zu mit gelegentlichen kleinen Hindernissen wie scharfen Kurven, Felsbrocken oder Bäumen und Ästen im Lauf. Die Loire haben wir denn auch bald erreicht. Behäbig trägt sie uns davon, Digoin zu.
Gemütliche Fahrt - Schiffe auf einer Brücke - Digoin
So eine Loire-Fahrt ist nichts Spektakuläres und Aufregendes. Still trägt sie uns meist dahin. Rechts wie links singen jetzt im Frühsommer die Vögel in den Auwäldern und Büschen um die Wette; ständig hören wir den Gesang der Nachtigallen und auch immer wieder den Pirol. Mehrere Arten von Reihern streichen vor uns ab: einmal die bekannten großen Graureiher, dann aber noch Schmuck- und Silberreiher und gelegentlich auch Rallenreiher. Eisvögel sind auf ihrem Ansitz für das Stoßtauchen. Erstaunt nehmen wir Kanada- und vor allem Nonnengänse wahr, dazu sind auf dem Wasser, dem Ufer und in den Binsen verschiedene Arten Enten und Wasserhühner emsig zugange. Und immer wieder tauchen Bisamratten schnell vor uns weg, sobald sie uns bemerkt haben. Neben dem weit verbreiteten Bussard kreisen schwarze und rote Milane am Himmel - und etliche Kilometer vor Digoin dann noch der Lärm von startenden und landenden Flugzeugen eines Flugplatzes und vor allem das infernalische Getöse eines Kunstfliegers, von dem wir heute noch nicht sicher sagen können, ob es sich um ein ferngesteuertes größeres Exemplar oder ein von einem Menschen geflogenes Kracherzeugungsinstrument handelte. Wenn ein Mensch in dem Gerät saß, dann muß er seine Magennerven allerdings wohl betäubt gehabt haben, solche irrsinnigen Flugbewegungen wurden vorgeführt.
Als wir uns Bonnaud nähern, wo wir einkaufen wollen, treffen wir auf einen Wanderfahrer mit einem etwas seltsam aussehenden bunt bemalten Boot. Während Klaus dann im Ort ist macht der Fahrer auch an der Brücke Rast. Dort sehe ich, daß es ein selbst gebautes Holzboot ist, phantasievoll bemalt und sehr ordentliche handwerkliche Arbeit. Der Fahrer scheint auch noch nicht sonderlich gut damit trainiert zu sein, macht das aber durch entsprechend vorsichtige Fahrweise wieder wett, wie ich nach seinem Start bei der Fahrt durch die verblockte und mit Untiefen durchsetzte Strecke hinter der Brücke beobachten kann. Den Schwall ganz links mit tiefem Wasser meidet er dabei.
Direkt vor Digoin liegt die Pont-du-Canal, die Brücke des Canal du Centre über die Loire. Wie bestellt fährt gerade ein größeres Motorboot darüber, als wir uns nähern. Unter dieser Kanalbrücke ist eine Barriere aus Felsbrocken errichtet. Links, durch das gekennzeichnete Joch sollten wir fahren, so steht es im Flußführer, und dann sei die Durchfahrt durch große Felsen markiert. Das gekennzeichnete Joch ist leicht zu finden, auch wenn die Farbe der Schilder inzwischen von Blau auf Grün gewechselt hat. Aber dann wird es ziemlich schwierig. Sei es, weil mal wieder frische Brocken in die Barriere zusätzlich geworfen wurden, sei es, weil beim jetzigen guten Wasserstand alles weniger deutlich erkennbar ist, wir müssen erst mal suchen, wo es für unsere vollbeladenen Booten am sichersten durchgeht. Die einzige durch große Felsbrocken möglicherweise erkennbare Passage sieht jedenfalls sehr danach aus, als läge mitten darin noch mal ein dicker zusätzlicher, nicht vermeidbarer Block. So schmuggle ich mich an einer anderen Stelle schnell hinunter, und nachdem Klaus erst mal ein paar Anlaufschwierigkeiten meistern mußte, weil er zu kurz angesteuert hat, sind wir auch bald im ruhigen Unterwasser.
Der Fahrer des Holzbootes, ein junger deutscher Mann, macht erst gar nicht den Versuch zu fahren und trägt gleich um.
Kurz darauf laufen wir den Slip des städtischen Campingplatzes von Digoin an, wo wir bleiben wollen. Der Platz ist aber recht laut. In scheinbar nicht enden wollenden Schlangen drängen sich auf der nahe gelegenen Brücke in beiden Richtungen Tag und Nacht die LKW, die wohl eine für sie halbwegs praktische Verbindung zwischen Clermond-Ferrand und der Autobahn im Saone- und Rhonetal quer durchs Land benutzen. Weil es regnerisch wird bleiben wir hier trotzdem einen Tag liegen, kaufen ein - und machen es uns ansonsten unter der Tarp oder im Zelt bequem. Und in Regenpausen streifen wir in der ansprechenden Altstadt von Digoin herum, schauen uns die Kanalbrücke an - und gehen gut essen.
Schnelle Fahrt - die Eisenbahnbrücke - auf der Kiesinsel bricht das Zelt zusammen - ein Mistwehr!
Da, wo ich vor zwei Jahren bei Niedrigwasser immer wieder mühselig meine Durchfahrt finden mußte, da zieht die Loire jetzt breit und tief drüber hinweg. Wir kommen daher auch schnell voran. Abends zelten wir rechts oberhalb der Eisenbahnbrücke vor Diou. Der Platz ist auch im Flußführer angegeben. Es handelt sich um einen Platz, der wohl oft von Anglern angesteuert wird; er kann mit Autos erreicht werden. Als wir ankommen ist aber niemand dort. Durch den hohen Wasserstand ist nur das Anlanden direkt an der Kante etwas schwierig; so ziehen wir in die Bucht an der Mündung eines winzigen Bächleins hinein und müssen unsere Ausrüstung ein Stück zu den Zeltmöglichkeiten tragen. Bald haben wir uns aber gemütlich eingerichtet, eine Flasche Rotwein zum und nach dem Essen macht den Abend noch angenehmer. Und als wir bei Dunkelwerden ins Zelt kriechen, da sind wir überzeugt, daß wir diesmal endlich wieder eine ruhige Nacht genießen können. Kaum bin ich jedoch eingeschlafen, werde ich wieder hochgeschreckt. Ich habe den Eindruck, plötzlich mitten in eine Kombination aus Walz- und Hammerwerk gebracht worden zu sein. Über die Eisenbahnbrücke, eine alte Kastenkonstruktion aus Stahlträgern, kommt ein Zug angedonnert, bringt die Brücke ins Schwingen und macht einen martialischen Lärm. Während des gesamten späten Nachmittags und Abends hatte uns die französische Bahn verschont, aber in dieser Nacht wurden wir noch mehrfach von ratternden Güterzügen aus dem Schlaf gerüttelt. Dabei war der Platz recht praktisch, ein Stück das steile Ufer hoch waren Häuser, wo wir hätten Wasser holen können und sogar eine kleine Bar mit Restaurant war an der Straßenbrücke zu finden. Und wir hatten schon geglaubt, daß die Eisenbahnlinie stillgelegt sei.
In Diou geht Klaus vom Slip des noch nicht geöffneten Campingplatzes aus in den Ort und holt Wasser. Heute Nacht wollen wir aber einen ruhigen Zeltplatz am Fluß finden. Das Wasser macht uns dazu autark.
Vor der in wenigen Kilometern folgenden Mündung der Besbre treffen wir auf einen Schwall. Vor zwei Jahren mußte ich hier sehr exakt zwischen Felsbrocken navigieren, um eine sichere Durchfahrt zu haben. Jetzt rauscht die Loire nur heftig, gischtet an einigen Stellen über dicke Felsbrocken hinweg, und bietet meist breite bequeme Durchfahrten, wo wir noch nicht einmal naßgespritzt werden. Wären wir gestern Nachmittag doch bis hierher gefahren. Direkt an der links mündenden Besbre liegt auf einer hohen Kiesbank ein phantastisch schöner Zeltplatz.
Unser zweiter Zeltplatz auf der Reise nach Decize ist dafür wirklich ruhig. Wir zelten auf einer Kieshalbinsel, weit und breit kein Haus und keine Straße. Nur der Gesang der Nachtigall ist von mehreren Revieren hier pausenlos zu hören, ein Geräusch, das uns nicht in der Nachtruhe stört. Dafür müssen wir unsere Regenplane aufbauen, denn es beginnt von oben einzunässen. Erst nur ein paar Schauer, dann Dauerregen. Uns solls nicht sonderlich stören, wir liegen warm und trocken in unseren Zelten, nachdem wir unter der Plane ein gutes Abendessen eingenommen haben - und wieder hat der Rote das Essen und den Abend verschönt.
Aber auch hier ist mir keine durchgehende Nachtruhe vergönnt. Mitten in der Nacht schrecke ich hoch. Wie ein Schlag oder Schuß war das. Dann liegt mir auch schon das Innenzelt auf dem Kopf. Trotz des Regens raus. Die Mittelstange meines Zeltes ist gebrochen. Jetzt in der stockfinsteren Nacht und bei Regen ist eine Reparatur auch nicht gerade einfach. Klaus rückt in seinem Zelt etwas zur Seite und so kann ich den Rest der Nacht ungestört weiter pennen.
Am nächsten Morgen ist die gebrochene Zeltstange mit einer der üblichen Reparaturhülsen auch schnell wieder geflickt.
Bevor wir am dritten Tag der Etappe den Camping Municipal von Decize anlaufen schauen wir uns erst noch das unterhalb des Städtchens gelegene Wehr an. "Ein Scheißding ist das", knurrt Klaus. Und ich kann ihm nur beipflichten. Rechts wie links über das Ufer nur weiträumig zu umkarren; oder in tiefem weichem Sand nur elendig zu schleppen! Das wird uns bei unserer nächsten Etappe nach Nevers bevorstehen.
Schifferfest - wo ist hier ein Arzt? - Regentage
Als wir dann in die Mündung des Aron hinein zum Campingplatz paddeln kommen uns, teilweise unter großen Rahsegeln, flache Kähne entgegen. Zum Schifferfest haben sich hier eine Reihe von flachen Loirekähnen aus den Orten längs der mittleren Loire versammelt und bieten zahlenden Besuchern kleine Ausflüge. Archaisch sehen die Boote aus mit den großen Segeln, alten Steuerkonstruktionen und einfachen Winden zum Hissen der Segel, die von in Schiffertracht gekleideten Männern geführt werden. Sobald sie allerdings nicht mehr vor dem Wind segeln können werden die Segel niedergeholt und ein Außenbordmotor bringt sie weiter und wieder zum Ausgangsort zurück.
Nach der Stille der letzten Tage auf dem Fluß ist es hier wieder laut. Auf der anderen Seite des Aron, der hier zum Kanal ausgebaut ist, der zum Flusse Yonne in Mittelfrankreich führt, führt die Ausfallstraße von Decize nach Nevers vorbei, dazu noch die Eisenbahnlinie. Und es herrscht einiger Verkehr! Dazu ständiges Krähengeschrei. Tausende dieser Vögel haben in der Nähe des Wehres ihre Schlafbäume im Auwald, viele nisten auch hier. Ständig fliegen Scharen von Krähen hin und her, ihre Kommunikationsfreudigkeit ist mehr als deutlich hörbar. Besonders abends, wenn sie zum Schlafen aus allen Himmelsrichtungen einfallen, und dann morgens, wenn sie wieder ausschwärmen, hängt ihr Geschrei in der Luft.
Die Loire mit ihrem stark wechselnden Wasserstand war für die Schiffahrt nicht geeignet. Daher wurde im vorigen Jahrhundert der Canal Lateral de la Loire gebaut, der den Fluß von Roanne aus mehr oder minder nah begleitet. Hier in Decize steigen Schiffe, vor allem Wohnboote, die "Peniches", vom Canal Lateral über Schleusen herab zur Loire, die vor dem Wehr genügend hohen Wasserstand aufweist, fahren ein bis zwei Kilometer die Loire hinab und wenden sich vor dem Wehr nach rechts in den kanalisierten Aron - oder umgekehrt. Diese Wohnboote werden gerne von Touristen gemietet. Man benötigt dazu keinen Bootsführerschein, da die Schifflein recht langsam und gemütlich sind. Aber wir können von unserem Platz vor den Zelten gut beobachten, wie die Skipper oft mit den Tücken der schmalen Einfahrten in die Schleusen kämpfen oder sogar ins Ufer fahren und aufsetzen und dann Mühe haben, mit ihren schwachen Maschinen sich wieder freizufahren.
Es ist Wochenende. Wir beschließen, bis Montag zu bleiben. Klaus muß zum Arzt. Um die Augen und am Ohr hat sich die Haut verfärbt, juckt heftig und unangenehm und mehrere Stellen haben sich entzündet. Wo ist ein Arzt? Der Campingplatzchef erweist sich als hilfreich. Er gibt uns nicht nur eine Adresse, sondern fährt uns auch gleich mit dem eigenen Wagen hin.
Klaus knurrt, während wir zu dem Medizinmann hineingehen, er knurrt noch mehr, als wir zurückkommen. Der Arzt "vermutet" stark eine Allergie und die entzündeten Stellen der Haut stammen vom ständigen Jucken und Kratzen durch Klaus. Er knurrt nun besonders laut vor sich hin, weil er eine "sichere" Diagnose erwartete. Ich rede ihm gut zu und so trollt er sich dann doch zur Apotheke und kommt mit der verschriebenen cortisonhaltigen Salbe und einem Hautdesinfektionsmittel zur Eindämmung der Entzündungen zurück, glaubt nicht so recht an deren Hilfe, verwendet sie dann aber doch - und es hilft auch!
Ähnlich ergeht es ihm, als seine in Deutschland verschriebenen sündhaft teuren Magentabletten zu Ende gehen. In der Apotheke kauft er sich - rezeptfrei - ein preiswertes Mittel und hat binnen kurzer Zeit keinerlei Probleme mehr. Das ist natürlich ein Grund, nunmehr auf den deutschen Arzt zu schimpfen - und sich mit einigen Packungen dieses Mittels für die Zukunft in Deutschland einzudecken. - Und da es sich richtig schön eingeregnet hat legen wir uns in unsere Zelte und lesen.
Das Mistwehr! - Rinderstudien - Regen unter der Tarp - zu lange hingeschaut - "geschlossen" 1. Teil
Regen pladdert aufs Zelt. Zum Aufstehen haben wir da keine Lust. Erst gegen Mittag wird es trockener. Da werden wir schnell, bauen die Zelte ab, laden und paddeln los.
Das Wehr von Decize sperrt unseren Weg. Heute ist dort noch weniger Wasser als vor zwei Tagen. Da ist das Umtragen noch häßlicher, weil Klaus die Boote noch weiter durch tiefen weichen Sand schleppen muß, bis er sie ins Unterwasser schieben kann. Er zieht sich fast die Seele aus dem Leib, die vollbeladenen Kajaks pressen die Räder des Bootswagens bis über die Achsen in den Sand. Auch für mich ist das Gehen im Sand ziemlich beschwerlich. Bis zum Unterschenkel versinke ich zeitweise. Dazu ist die Sonne wieder hervorgekommen, es ist schwül und wir sind naß geschwitzt.
Böse schauen wir dann zurück auf diesen auch noch besonders häßlichen Wehrbau. Erst als wir weiterfahren sehen wir, daß auf dem rechten Ufer ein Weg um das Wehr herumführt mit einer guten Einsetzstelle unten am Ufer. Einerseits hätte der Umtrageweg dann zwar über einen halben Kilometer ausgemacht, andererseits hätte auf dem Weg mit hartem Boden das Karren wesentlich weniger Kraft gefordert. "Wenn man vom Rathaus kommt ist man meistens klüger".
Bald hat uns die ruhige Loire wieder. Der Lärm der Straßen bleibt zurück, die ständig schreienden Krähen, das Rauschen des Wassers übers Wehr. Ab und zu hocken Angler am Ufer und gehen ihrem beschaulichen Hobby nach. Kaum mal habe ich bei meinen vielen Fahrten in Frankreich gesehen, daß einer einen Fisch herausgezogen hat. Das Angeln selbst ist ihnen wohl Spaß genug - und die Ruhe, die man dabei hat.
Rechts und links wieder viele Kilometer Auwald, unterbrochen durch Weiden für die berühmten weißen Charolai - Rinder, Kiesbänke, die in der Sonne und Hitze flimmern und nur schemenhaft und verzerrt zu erkennen sind, wenn wir über sie hinwegschauen. Die Charolai - Rinder, eine reine Fleischrasse, schauen uns immer wieder so erstaunt an und nach, als seien wir absolut die ersten Kanuten, die sie je in ihrem Leben zu Gesicht bekommen haben. Dabei wird die Loire in dieser Region offensichtlich viel gepaddelt. Schon an unserem Einsatzort, aber auch weiter flußab, haben wir immer wieder die Fahrzeuge von Kanuten auf den Campingplätzen gesehen, die diese dort abgestellt haben. Meist waren es deutsche Wagen.
Wenn wir solche Rinderherden passieren, bei denen Kühe und Stiere, alte und junge Tiere zusammen auf der Weide stehen, dann rennen sie uns längs des Ufers nach, bis sie der Zaun zur nächsten Weide am Weiterkommen hindert. Trotzdem die Rinder einschließlich der dabei befindlichen Bullen in aller Regel recht friedlich sind vermeiden wir es, auf einer solchen Weide unsere Zelte aufzubauen. Die Tiere sind ungemein neugierig und wir müßten ständig verhindern, daß sie über unsere Ausrüstung herstolpern oder alles mit ihrer rauhen Zunge belecken.
Weiter steht eine ganze Herde im Wasser, wohl um sich ein wenig abzukühlen. Wir lassen uns ganz ruhig und ohne Paddelschlag zu ihnen hintreiben. Als wir bis auf ein paar Meter an sie herangekommen sind bekommen einige Tiere wohl doch Angst vor der eigenen Courage und rennen spornstreichs aufs hohe Ufer, reißen dabei den Großteil der übrigen Herde mit sich. Rauschend, stampfend und spritzend geht es aufs Ufer. Dann siegt die Neugierde, alle rennen längs des Ufers hinter uns her.
Nur wenige hundert Meter weiter die nächste Herde. Die Tiere liegen verstreut im Gras, alle mit den Augen uns zugewandt käuen sie wieder. Langsam drehen sie die Köpfe, lassen uns nicht aus den Augen, als wir vorbeifahren, bis wir hinter der nächsten Biegung verschwunden sind.
Unser Camp schlagen wir unterhalb des Ortes Béard auf einer langen bewachsenen Kiesbank auf. Schon weit vor dem Anlanden hat uns die hoch auf einem Hügel errichtete romanische Kirche begrüßt. Die Regenschauer der letzten Tage machen uns vorsichtig. So bauen wir auch die Regenplane auf. Kaum haben wir es uns darunter bequem gemacht, da beginnt es auch schon zu pladdern. Aber das stört uns jetzt nicht mehr. Im Trocknen wird das Abendessen zubereitet und genossen, dazu gibt es wieder eine Flasche Roten - und erst als es dunkel wird kriechen wir in unsere Zelte, auch, weil die Moskitos etwas zu zudringlich werden.
Das Mistwehr! - Rinderstudien - Regen unter der Tarp - zu lange hingeschaut - "geschlossen" 2. Teil
Bis Nevers haben wir noch etwa 20 km. Aber erst einmal müssen wir an Imphy vorbei. Das ist eine kleine Industriestadt mit einem Stahlwerk, wo Edelstähle hergestellt werden. Auch vom Fluß her wirkt der Ort nicht gerade schön. Was ihn aber besonders abstoßend macht sind die beiden Barrieren, die man dort antrifft. Die erste besteht aus einem Wall scharfkantiger Felsbrocken quer über den Fluß. Sie soll wohl eine ausreichende Wasserhaltung gewährleisten, damit das Stahlwerk Kühlwasser entnehmen kann. Die zweite liegt direkt unter der Straßenbrücke und besteht wahrscheinlich aus den Trümmern der alten Brücke, die einfach im Fluß belassen wurden.
An der ersten Barre finde ich ziemlich links schräg durch die Brocken fahrend eine gute Durchfahrt. Schwupp, bin ich unten, ohne überhaupt irgendwo anzukratzen. Klaus hat meine Durchfahrt nicht mitbekommen. Er zaudert, befürchtet, in den Felsbrocken hängen zu bleiben.
Schließlich hat er wohl zu lange geschaut und im Kopf solch viele Gefahren entdeckt - er treidelt. Danach findet er allerdings keine vernünftige Stelle zum Wiedereinstieg. Daher nehme ich sein Boot in Schlepp, bringe es ein Stück weiter flußab. Fluchend und schwitzend steigt er wieder ein, die Beine zerkratzt und zerstochen von Dornen und von Nesseln verätzt, auf die Mücken schimpfend - und die Spinnen mit ihren Netzen.
Bei der nachfolgenden Passage unter der Straßenbrücke geht er ganz auf Nummer sicher. Quer durch Binsen und Büsche zwängen wir uns hindurch ins Unterwasser, um dort zu entdecken, daß mehrere breite Durchfahrten durch die Trümmer der alten Brücke hindurchführen.
Es ist wieder sonnig und warm, sogar recht schwül geworden, als wir uns Nevers nähern. Unter der Brücke der neuen Autobahn A 71 trainieren junge Rennkanuten des Vereins in Nevers.
Die Silhouette der Stadt erscheint hinter den Bäumen des rechten Ufers. Hoch auf dem Hügel, den sich die Altstadt hochzieht, thront die Kathedrale St. Etienne. Über die Loire spannt sich die vielbogige Straßenbrücke. Darunter, weiß ich, rauscht wieder ein häßliches Wehr.
Links vor der Brücke liegt der Camping Municipal. Dort ist es verdächtig still. Keine Zelte, keine Wohnwagen und Wohnmobile. Der Platz ist noch geschlossen! Genau danach habe ich mich bei der Vorbereitung nicht erkundigt, denn bisher war er immer ab Anfang Mai geöffnet gewesen.
Die nächste Zeltmöglichkeit mit Bahnhof ist in Fourchambault, gut 10 km flußab gelegen - und wir müßten erst noch das Wehr mühselig Umtragen. Das wäre heute noch schwieriger, weil der Platz mit seinem großen Tor verschlossen ist. Kurz entschlossen schlagen wir daher auf der Uferwiese des Campingplatzes unsere Zelte auf.
Ich bin gerade dabei, mein Gepäck ins Zelt zu räumen, da höre ich jemand rufen. Der Campingplatzwart kommt zu uns hinunter gelaufen. Aber er will uns nicht vertreiben. Ich kenne ihm vom letzten Jahr, wir haben mehrfach einen Schwatz gehalten. Er heißt uns herzlich willkommen und läßt uns nunmehr auch "offiziell" zelten.
Nun mußte noch geklärt werden, wie wir morgen unser Auto mit dem Zug holen und die Sachen verladen können. Da er mit seiner Familie verreisen will bleibt uns folgende Lösung: Wir bekommen Schlüssel für einen Sanitärtrakt, für das große Tor und das zusätzliche Tor runter zum Fluß. Die sollen wir morgen, bevor wir den Platz verlassen, in den Postkasten deponieren. Und er holt uns telefonisch noch die Zugverbindungen am Bahnhof ein. Klar, daß wir uns über diese Hilfe riesig freuen und sehr dankbar sind. Wir können nur sagen: "Wasserwan-derer, kommst Du nach Nevers, auf dem dortigen Campingplatz wird Du mehr als freundlich aufgenommen!"
Einen Tag später sitzen wir im vollbeladenen Wohnmobil auf dem Weg nach Hause. Bei einem Bauern in einem Dorf am Wege kaufen wir noch Ziegenkäse ein - den hat Klaus seiner Renate versprochen, die aus Gründen fehlenden Urlaubs nicht mitfahren konnte. Wenn sie eine große Portion Ziegenkäse bekommt, ist sie wieder etwas versöhnt, daß sie zu Hause bleiben und arbeiten mußte. Der geplante Großeinkauf von Wein fällt aber aus, da alle Supermärkte bereits geschlossen sind.
Wir übernachten auf einem Rastplatz am Jura. Als wir dort am nächsten Morgen erwachen ist es häßlich kalt geworden, im Gegensatz zu dem feuchten aber warmen Wetter der letzten Tage auf der Loire. - Und zu Hause ist es direkt kalt - die Eisheiligen! - so daß ich ganz schnell wieder packe und in den warmen Süden entfliehe.
Dieser Bericht/diese Seite stammt von: Harbisch, Hermann
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