Sylvester in der Ardèche-Schlucht Eine Idee
Eigentlich spukte die Idee schon länger in unseren Köpfen herum. Aber als bei meiner Geburtstagsfeier festzustellen war, dass bei mir das Laufen nach dem Unfall wieder besser vonstatten ging, wurden Nägel mit Köpfen gemacht und geplant.
Wir waren zu neunt. Michael vom Westerwald organisierte für sich und seine drei weiteren Mitfahrer die Fahrt selbst in einem Fahrzeug. Sie wollten auch schon zwei Tage früher als wir fahren. Standquartier sollte das große Ferienzentrum in Vogue sein. Wir wollten ebenfalls mit möglichst wenig Fahrzeugen unterwegs sein. Da kam es uns zustatten, dass Michael vom Hunsrück recht preiswert einen VW-Bus mit Dachträger organisieren konnte. Darin fanden neben zwei aufblasbaren Kanadiern, einem Taifun, den Schlafzelten, dem großen Rundzelt mit Yukonofen, Kücheneinrichtung und ausreichend warme Kleidung in einem Berg von wasserdichten Packsäcken und Tonnen Platz.
Am 28. Dezember wollten wir fahren. Dann kam "der große Schnee". Bei mir wird die Straße nicht geräumt, ich sah daher ziemliche Schwierigkeiten für mich, einmal mit dem Autofahren und vor allen Dingen mit dem Gehen. Da war es für mich recht angenehm, als Michael anbot, mich abzuholen. Er sammelte bei der Herfahrt in Boppard noch Werner auf und Gudrun und Peter Wengler fanden sich rechtzeitig bei mir ein.
(Zur Zeit fehlen noch die Fotos für den Bericht. Diese werden in Kürze in den Bericht noch eingebaut. Der Setzer.)
Laden und Abfahrt im Schnee - der Schnee wird zum Regen - erste Erfahrungen mit der EURO-Umstellung in Luxemburg - wir sind viel zu schnell - Pont d´arc bei Nacht - kein Frühstück zu bekommen
Es war schon fast dunkel, als wir losfahren konnten. Kaum hatten wir unsere kleine Nebenstraße verlassen, da erwiesen sich die Straßen als völlig ohne Schwierigkeiten passierbar. Nur wenige Minuten später schnurrte der Wagen auf der Autobahn Richtung Trier. Selbst in den Höhenlagen der Eifel war problemloses fahren - und das, obwohl meine Schwester mir aus ihrem Urlaub bei Bitburg noch hatte ausrichten lassen, dass es dort aussehe wie in Sibirien. So erreichten wir auch schnell die Autobahn in Luxemburg. Dort begann es leicht zu regnen.
Vor der französischen Grenze wurde noch schnell getankt und ein Abendessen in der Raststätte eingenommen. Wie dort gewohnt konnten wir mit mehreren europäischen Währungen zahlen - nur Münzen wollte man außer den luxemburger und belgischen Franken nicht mehr annehmen. Aber damit hatten wir auch wenig Probleme. Nur als Michael die ersten EURO-Noten vorzeigte, die er sich bei einem Geschäftsmann besorgt hatte, wurde er doch etwas misstrauisch beäugt.
Bei der Weiterfahrt wurde der Regen immer stärker. Die Fahrt war bestimmt kein Vergnügen mehr für Michael und später Peter, die sich am Steuer ablösten. Aber wir waren andererseits froh, dass es nicht glatt war oder wurde.
Der Bus hatte eine recht starke Dieselmaschine. Wir kamen sehr schnell voran. Beim Überschlagen unserer voraussichtlichen Ankunftszeit mussten wir feststellen, dass wir ohne längere Pausen wohl schon um drei oder vier Uhr in Vogue an der Ardèche sein würden. So fuhren wir, nachdem wir Dijon passiert hatten, regelmäßig Raststätten an, machten dort längere Pausen und hielten uns mit viel Kaffee wach.
Deutlich vor sechs Uhr verließen wir in Montélimar Sud die Autobahn in der Hoffnung, dass unterwegs wohl die eine oder andere Bar öffnen werde, wo wir in Ruhe ein Frühstück bekommen könnten. Aber ach, auch in Frankreich gehen heute die Uhren anders. Nichts war offen!
Noch immer in völliger Dunkelheit kamen wir an der Ardèche an. Werner, der noch nie dort war, bekam den Pont d´arc gezeigt, von dem letztlich kaum ein Schemen zu erkennen war, und auch der Charlemagne-Schwall wurde im Licht der Taschenlampen inspiziert: extremes Niederwasser! Bis Aubenas fuhren wir, fanden immer noch keine Bar für´s Frühstück. So erstanden wir in einer Bäckerei, die gerade öffnete, zwei Baguette, fuhren nach Vogue, aßen Brot mit Wurst - und legten uns für ein Stündchen in den Sitzen zurecht.
Einkäufe - wo starten wir? - kein Restaurant für den Abend zu finden - ein fröhliches Abendessen in der Ferienwohnung
Es wurde hell, als wir uns aus dem Fahrzeug begaben. Michael vom Westerwald kam gerade zufällig aus der Wohnung. Erst einmal Anmelden an der Rezeption, dann Bezug unserer Ferienwohnung. Und da haben wir uns erst mal ein wenig ausgepennt.
Zu Dritt machten wir uns dann auf den Weg: Wir wollten ein Restaurant für den Abend, dann die Einkäufe für unsere Fahrt in die Schlucht, zuletzt noch Erkunden eines guten Einsatzplatzes unterhalb des Pont d´arc, da die Fahrt durch den Charlemagne-Schwall bei dem niedrigen Wasserstand mit den Gummibooten bestimmt kein Vergnügen werden würde.
Die angesteuerten etwas besseren Restaurants für ein gutes französiches Abendessen erwiesen sich als Flop - entweder geschlossen, oder alles reserviert. Am Campingplatz "Camp des Gorges" unterhalb des Weilers Chames war die Einfahrt offen und es standen Fahrzeuge dort. Wir fragten nach und erhielten die Erlaubnis, dort am nächsten Tage aufs Wasser zu gehen und die Autos stehen zu lassen.
In der Winzergenossenschaft in Ruoms wurden größere Vorräte gebunkert, einmal für unsere geplante Fahrt mit Sylvester-Festmenue, zum andern für´s Mitnehmen nach Hause. Und auch im Supermarkt wurden wir schnell anhand unserer Einkaufsliste fündig.
Abends wurde es in der Küche der Ferienwohnung bald recht eng. Kaffee wurde gekocht, die Weingläser kreisten und zwischen den beiden Ferienwohnungen war ein reger Austausch - nicht nur Gedankenaustausch. Das Abendessen wurde bereitet - und viele Köche verdarben nicht den Brei, und wer dann noch nicht satt war, konnte sich an Käse und Baguette laben - dazu Wein bis zum Abwinken, wir fühlten uns mehr als wohl.
Im Trockenanzug wird's warm - Neo vergessen - flach, aber fahrbar - der Schwarze Zahn beißt zu - ein geheiztes Zelt bietet ein angenehmes Zuhause - schon fast ein Festtagsmenue
Wir waren am späten Vormittag losgefahren. Bald sah es am Strand bei Camping des Gorges bunt und unaufgeräumt aus, das typische Bild halt bei Beginn einer Gepäckfahrt. Aber der Berg an Ausrüstung wurde doch langsam kleiner, als Säcke und Tonnen in die Boote verladen wurden. Zuletzt stiegen wir in die Neoprene- bzw. Trockenanzüge. Nur Gudrun hatte ihren zu Hause vergessen. So musste es Fleece-Bekleidung tun. Es war sonnig, ganz leichter Wind. Trotz der winterlichen Kühle wurde uns schnell warm. So waren wir froh, bald aufs Wasser zu kommen, nachdem wir die beiden Fahrzeuge unter den Augen der Bewohner des Platzes abgestellt hatten.
Ganz schnell wurde es ruhig um uns. Keine weiteren Boote auf dem Wasser, keine Menschenmassen an den Ufern, kaum Verkehr auf der Straße, die sowieso bald auf die Höhen der Touristenstraße anstieg. Die Sonne blitzte in den kleinen Wellen, die hohen Felswände spiegelten sich in den ruhigen Wasserflächen. In der Sonne blieb es warm, nur wenn wir die Schattenbereiche passierten wurde es schnell kühl. Dort sahen wir dann auch eisüberzogene Felsen, wo eine Quelle sich den Weg hinunter zum Fluß bahnte, und auch auf den Kiesbänken waren noch gelegentlich Eisreste von dem vor etlichen Tagen hier herrschenden Schnee- und Eischaos zu sehen.
In der Schnelle von Trois Eaux war die übliche Passage zwischen linkem Ufer und der Felsinsel überhaupt nicht fahrbar, nur ein Rinnsal plätscherte zwischen den Felsblöcken durch. Rechts, wo im Sommer für die Leihboote eine Rinne freigemacht wird, konnten wir so gerade noch hinunterfahren, wobei eine scharfe kleine Doppelkurve Aufmerksamkeit verlangte und einen Teil der hochbeladenen Gummikanadier auch erst einmal festhielt.
Sonst war der Wasserstand zwar sehr niedrig, aber wir konnten überall fahren. Allerdings wurde es dann am Dent Noire - dem Schwarzen Zahn - ziemlich eng: kaum Platz zum Manövrieren, und der Strom zog kräftig auf den schwarzen Felsen. Das wurde Gudrun und Peter zum Verhängnis, die etwas zu spät zur Seite lenkten - und auch bildschön fast quer vor den Fels getrieben wurden und kenterten. Ich sammelte schnell das abtreibende Paddel auf. Gudrun und Peter wussten, dass unser Ziel für heute keinen Kilometer weiter lag und so fuhren wir in Eile dorthin, so dass sie gleich in warme frische Kleidung steigen konnten.
Am Dent Noire passierten uns auch drei - wahrscheinlich deutsche - Paddler.
Wir konnten alle unsere Zelte bequem auf der ersten sandigen Terasse über dem Fluß aufbauen. Die Boote wurden die Kiesbank hochgetragen und an einem Baum festgebunden und gesichert. Schnell standen die Schlafzelte und es ging an den Aufbau des großen Rundzeltes. Während dort noch Ofen, Tisch und Hocker eingerichtet wurden sägten und hackten Bernd und Mike vom Westerwald schon Holz klein. Nur wenige Minuten später quoll aus dem Schornstein schon weißer Rauch und im Zelt war es ganz schnell angenehm warm. Das konnten wir dort auch gut gebrauchen, denn an unserem Platz herrschte Schatten und ohne Bewegung wurde es schnell kühl.
Eigentlich steckte ja die Anstrengung von unserer vorgestrigen Nachtfahrt bei den meisten von uns noch in den Knochen, aber nach dem Abendessen mit Fischsuppe, Käse und Baguette und anschließender Feuerzangenbowle saßen wir doch noch bis Mitternacht beisammen. Im geheizten Zelt war es auch zu schön warm!
Eine himmlische Ruhe! - Spaziergänge - ein Sylvester- Festtagsmenue - der Wein ist alle
Kaum war ich aufgestanden und hatte nach kurzer Wäsche das Zelt angeheizt, da kamen auch die übrigen langsam heran. So machten wir erst einmal ein ausgedehntes Frühstück mit viel Kaffee und dem noch immer ausreichend frischen Baguette.
Anschließend wurde herumgestromert. Weiter hoch im Steilhang schien kräftig die Sonne - und das wurde ausgenutzt. Hatten wir doch in den letzten Wochen in Deutschland die Sonne entbehren müssen. Vor dem Wind geschützt konnte man sich sogar die Sonne auf die nackte Haut scheinen lassen.
Im Tal war es still. Keine Scharen von Leihbooten, keine aufgeregten Rufe, kein Rumpeln der Boote gegen Felsen oder über die Steine. Nur leise Rufe von Vögeln und ab und zu das Rauschen von Wind in den Bäumen und Büschen war zu hören. An diese Stille mussten wir uns erst regelrecht gewöhnen.
Nur die Sonne schaffte es nicht, bis auf den Talgrund zu scheinen, wo unsere Zelte standen. Dafür stand die Wintersonne doch zu tief. Aber der Ofen spendete uns ausreichende Wärme, und so wurde er auch den ganzen Tag über immer wieder mit Holz versorgt.
Am späten Abend begannen die Vorbereitungen für unser Sylvester-Festtagsmenue. Alle halfen mit; bald war Gemüse geputzt, in mehreren Töpfen schmurgelte es und im Zelt breitete sich ein himmlischer Duft aus. Und weil dabei die Arbeit auch viel leichter von Hand geht, standen die Weinbehälter in erreichbarer Nähe und schon so mancher Becher wurde gefüllt.
Es war völlig dunkel geworden, als wir zum Mahl schritten. Wir hatten ein fünfgängiges Menue geplant: 1. Eine leichte heiße Gemüsesuppe, 2. kalter geräucherter Lachs mit Krabbenpastete, 3. gebratene Ententeile in einer Kognacsoße mit Ratatouille als Beilage, 4. verschiedene Sorten Käse, 5. heißer Vanillepudding mit Rum. Zu den beiden ersten Gängen wurde ein kühler weißer Viognier gereicht, danach gab es Rosé, Cabernet Sauvignon oder Merlot als Rotwein.
Das Essen zog sich über mehrere Stunden hin, dazwischen wurde geredet, gescherzt. Und weiter als bis zum Käse haben wir es nicht geschafft! Danach waren alle pappsatt!
Schon spät am Abend drehte ganz plötzlich der Wind um 180 Grad - und was noch hässlicher war, er frischte stark auf und blies genau ins Ofenrohr hinein. Der Winddruck auf dem großen Gruppenzelt war so stark, dass mehrfach die Häringe herausgezogen wurden. Schnell rannten dann immer einer oder zwei von uns hinaus und richteten alles wieder. Den Ofen mussten wir ausgehen lassen, da sonst zuviel Qualm ins Zelt gedrückt wurde. Aber etwas wärmer angezogen konnten wir auf dem Kocher noch einmal einen großen Pott Feuerzangenbowle bereiten. Und rechtzeitig vor Mitternacht hörte der Wind auch wieder auf.
Auf einmal war das neue Jahr gekommen. Glückwünsche wurden ausgetauscht - und festgestellt, dass die Weinvorräte erschöpft waren. So musste ich noch schnell einen großen Topf Tee kochen, in dem wir dann die Reste des Rums für die Feuerzangenbowle auch noch aufbrauchten, ehe wir uns in die Schlafsäcke zurückzogen.
alleine durch die Schlucht - alle Kneipen in St. Martin geschlossen
Rauhreif lag über den Zelten, als wir morgens aufstanden. Aber im Rundzelt war es bald wieder warm. Vom gestrigen Abend war noch Suppe und Ratatouille übrig, die unseren Frühstücksspeisezettel bereicherten.
Abbauen und Verpacken der Ausrüstung und alles wieder in die Boote verstauen. Kurz vor unserer Abfahrt passierte uns eine französische Gruppe, einige der Leute in einer gestakten Barke, einige weitere in Kanadiern.
Die Fahrt durch den stillen Canyon war zauberhaft. Im Gegensatz zur Herfahrt hatten wir praktisch keine Probleme mehr des niedrigen Wasserstandes wegen. Sobald die Sonne ein Stück bis auf den Grund der Schlucht schien, wurde dies genossen. Wir hatten ja ausreichend Zeit. Und es kenterte auch niemand mehr.
Als wir Sauze passierten kam gerade ein Bus mit Bootshänger, der die französische Kanugruppe abholen wollte. Der Fahrer erklärte sich bereit, unsere beiden Autofahrer mit nach oben zu nehmen.
Wir fuhren weiter bis St. Martin, ich mit einem der unbemannten Boote im Schlepp. Direkt vor dem Ort konnten wir anlanden. Die Ausrüstung wurde in die Nähe der Straße getragen, aus den Booten die Luft herausgelassen. Dann zogen unsere Leute in den Ort, um in einer warmen Bar auf die Fahrer zu warten. Ich blieb als Wache zurück. Aber bald waren alle wieder bei mir. In dem Touristenort St. Martin war heute nicht ein einziges Restaurant, keine Bar, kein Bistro, keine Pizzeria offen. Da waren wir froh, dass unsere Fahrer doch bald ankamen und nach Ein- und Aufladen die Fahrt in den warmen Fahrzeugen nach Vogue zurückgehen konnte.
Wir suchten wieder ein Restaurant für das Abendessen - aber auch in den übrigen Orten war entweder alles geschlossen - oder vollbesetzt. So vertilgten wir eben in unserer Ferienwohnung die Reste unserer Schluchtfahrt.
Die Heimfahrt war einfach und bequem. Es war zwar kühl, aber sonnig und wir kamen gut voran. Und wir konnten beim Essen auch noch unsere letzten französischen Francs loswerden. Nach Bezahlung der Rechnungen blieben noch ganze 4,80 F als Trinkgeld für die Kellnerin übrig.
Eine Verrücktheit war unsere Sylvesterfeier in der Ardècheschlucht sicherlich - aber es war eine wunderschöne Verrücktheit!
Dieser Bericht/diese Seite stammt von: Harbisch, Hermann
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